Leserbriefe und Aktionen (1)

Bleistift

Der Vater empfahl dem Lehrer nicht zu widersprechen

Eine kritische Publikation zur Rechtschreibreform in der TAZ vom 18. Juni 1998

"Ich habe nichts dagegen, wenn im Frieden Schwachköpfe in den hohen Ämtern sitzen. Aber im Krieg sollte man zum Kriegsminister nur einen Mann bestellen, der eine Landkarte von einem Teppichmuster unterscheiden kann." (Lion Feuchtwanger aus: "Füchse im Weinberg")

Bis auf wenige Ausnahmen bringt die heute vorliegende Reform weder Transparenz noch Einfachheit in Rechtschreibung und Grammatik. Eher ist sie nutzlos, inkonsequent, undurchsichtig, verwirrend und birgt die Gefahr von Unsicherheit und neuer Fehlerquellen. Sie bewirkt eine akute Verkomplizierung der Satzverständlichkeit und der Lesbarkeit, und, was am schlimmsten ist, sie zerstört die schriftsprachliche Einheit. Ganze Generationen werden mit unterschiedlichen Orthographien aufwachsen und diese weitergeben.

Besonders verheerend wirkt sich die Liberalisierung der Interpunktion auf die Satzverständlichkeit aus: "Der Vater empfahl dem Lehrer nicht zu widersprechen." Dieser Satz läßt nach der Neureglung drei unterschiedliche Interpretationen zu: 1. Ohne Komma (d.h., der Vater gab keine Empfehlung), 2. Komma hinter "empfahl", 3. Komma hinter Lehrer. Die neuen Regeln verlangen ein noch höheres Maß an Wissen, Intelligenz und Feingefühl bei der Auswahl von Schreibweisen als die jetzigen. Da sich das neue Regelwerk mit einer Vielzahl von Beliebigkeiten und Varianten schmückt, geht die Verantwortung der Schreibung nahezu allein auf den Schreibenden über. Somit wird dem ach so schützenswerten Schüler eine noch größere Verantwortung zuteil, als die Reformer eigentlich beabsichtigten. Drückt sich aber der schreibschwache Schüler nun vor dieser Verantwortung, so entstehen in Zukunft absonderliche Werke der Schreibkunst, die kein vernünftiger Mensch mehr lesen kann und will.

Es kann nicht das Ziel einer Reform sein, auf Kosten der Lesbarkeit unserer über Jahrhunderte gewachsenen Sprache Altbewährtes leichtsinnig dem Reißwolf zu übergeben, nur weil einige Leute Fehler beim Schreiben machen! Es kann doch nicht angehen, daß eine Minderheit von schreibschwachen Schülern das entscheidende Kriterium für eine Umgestaltung der Schriftsprache darstellt!

Zensuren werden nicht mehr den wahren Bildungsstand eines Schülers repräsentieren können. Schon jetzt geraten gewissenhafte Lehrer in einen Konflikt mit der übergeordneten Behörde. Überall dort, wo beim Schreiben Beliebigkeiten und Varianten zugelassen sind, werden natürlich schon aus rein primitiv-mathematischer Sicht keine Fehler mehr auftreten. "Schreibt, wie Ihr wollt!", könnte man das nennen, und wer hier meint, er könnte dann aus Fehlerquoten in Diktaten auf die Qualität des Schülers schließen, dem darf ich mit gutem Gewissen seine Kompetenz in Sachen Schreibung und Pädagogik absprechen. Den Schaden, den ein solcher Nichtkompetenter damit anrichtet, dürfte sein lernendes Volk spätestens mit dem Eintritt in ein seriöses Berufsleben bemerken.

Ich bin gespannt, wer hier irgendwann einmal für verantwortungslose Volksverdummung, Geldverschwendung und Zerstörung kultureller Güter zur Verantwortung gezogen werden wird. [...]

Dr. Jürgen Langhans, Karlsruhe. Erschienen in der TAZ Nr. 5559 vom 18.06.1998 Seite 16

Bleistift

Wir schreiben für die, die lesen

Schleswig-Holstein nach dem Volksentscheid, Spiegel-Forum #274

Es gehörte schon immer eine gehörige Portion Mut dazu, als Einzelner das Richtige zu tun, wenn alle anderen das Falsche längst zum Gesetz erhoben hatten: Schleswig-Holstein hatte diesen Mut. Der Ausgang des Volksentscheids vom 27. September zur „Rechtschreibreform" verdient Respekt. Nun haben wir also endlich das Schreibchaos. Das Kuriosum, daß die Sache des Schreibens in den Hoheiten der einzelnen Bundesländern liegt, hat nun ganz legitim zur Folge, daß ein einziges Bundesland ausscheren und nun „anders" als alle anderen Bundesländer, nicht zu sprechen vom deutschsprachigen Ausland, schreiben darf.

Aber dieses Chaos haben nicht die Schleswig-Holsteiner zu verantworten, sondern diejenigen, die diese „Reform" mit aller Gewalt vorbei an jeglicher sachlicher und fachlicher Vernunft durchzusetzen versuchen. Die Schleswig-Holsteiner haben sich guten Gewissens gegen eine Trivialisierung der deutschen Schriftsprache und für den Beibehalt der schriftsprachlichen Einheit entschieden. Sie wollen nicht nach diesen unsinnigen neuen, künstlichen Regelungen schreiben, die kein Mensch braucht, und sie wollen das auch ihren Kindern ersparen.

Warum brauchen wir plötzlich die Andersschreibung einiger weniger komplizierter Wörter wie Känguruh, wo es doch 1000 andere lernintensive Wörter gibt? Warum brauchen wir so dringend die Trennung A-bend? Wieso soll „kurzfassen" gemäß der Steigerungsregel in Zukunft auseinander geschrieben werden, obwohl es doch ein souveränes Wort ist und „kurz fassen" etwas anderes bedeutet? Warum ist es unbedingt notwendig, „ß" durch „ss" zu ersetzen, wenn die Regel mit dem kurzen Vokal ja doch nicht überall greifen kann? Die Entscheidung, ob eine Konjunktion („dass") oder ein Artikel („das") vorliegt, nimmt dem Schreibschwachen diese neue Regel auch nicht ab. Und warum ist es auf einmal so wichtig, daß die persönliche Anrede in Zukunft kleingeschrieben werden darf? Was nützt mir die Zulassung eines Bindesstriches in „Centre-Court", wenn ich dieses Wort wegen grundsätzlich fehlender Kenntnis sowieso nachschlagen oder erfragen muß?

Aber der schlimmste Brocken ist die Liberalisierung der Zeichensetzung. „Der Vater empfahl dem Lehrer nicht zu widersprechen." Ein Komma vor einem erweiterten Infinitiv mit „zu" muß nicht mehr gesetzt werden. Merkt denn hier keiner der Reformspezialisten, daß dieser Satz nach der neuen Komma-Regel drei völlig unterschiedliche Bedeutungen haben kann? Oder: „Wir warten auf Euch und die Kinder gehen schon voraus." Nach „Euch" muß in Zukunft kein Komma mehr stehen. So was kann man nicht vernünftig lesen!

Es gibt unzählige Beispiele, und es ist so leicht, dieses ganze Unregelwerk zu entzaubern!

Die reformierten Regeln verlangen wegen ihrer Unverbindlichkeit ein noch höheres Maß an Wissen und Feingefühl bei der Auswahl von Schreibweisen als die jetzigen, wenn der Lesende das Geschriebene so interpretieren soll, wie es der Schreibende beabsichtigt hatte. Somit wird dem ach so schützenswerten Schüler eine noch größere Verantwortung zuteil, als die Reformer eigentlich wollten, denn laut Regelwerk soll er ja in vielen Fällen nun selbst entscheiden, was gut, richtig und verständlich ist. Das neue Regelwerk selbst drückt sich davor. Drückt sich der schreibschwache Schüler nun aber auch davor, so entstehen in Zukunft absonderliche Werke der Schreibkunst, die kein vernünftiger Mensch mehr lesen kann und will. Der Schreibende hat dem Lesenden gegenüber eine Verantwortung: Wir schreiben für die, die lesen! Das Empfinden des Lesers hat Primat vor den Wünschen des Schreibenden. In diesem Zusammenhang ist es zweifellos vorteilhaft, wenn Wörter stets auf gleiche Weise geschrieben werden, damit sie der Leser gleich wiedererkennt und nicht buchstabieren muß.

Die Pflicht zur Neuschreibung besteht lediglich für Schulen und Behörden. Das ist auch ausreichend, denn die können sich am wenigsten wehren. Aber der Weg, die Reform über die Schulkinder durch die Hintertür einzuführen, ist ungeheuerlich! Kinder lernen schließlich erst mal „alles", ob Gutes oder Schlechtes". Woher sollen die denn wissen, daß man eigentlich viel besser schreiben kann, wenn ihnen doch die bisher gültige Schreibung vorsätzlich vorenthalten wird? Und schreiben dann Eltern und Kinder unterschiedlich? Wer schreibt dann „richtig"? Sollen Lehrer und Eltern gegen ihren Willen den Kindern Unfug lehren? Ist das Primitive, ist die Lüge („Tollpatsch"!) für die Kinder gerade gut genug? Woher nehmen die Reformer das Recht zu unterstellen, daß Kinder grundsätzlich nicht in der Lage sind, eine gute Schreibung zu erlernen? Wünschenswert wären dann auch unterschiedliche Kreuzworträtsel für Beamte und „Normalbürger".

Anstatt daß sich die Reformer und die verantwortlichen Politiker die so wichtige Frage stellen, warum denn immer mehr Kinder immer weniger in der Lage sind, richtig zu schreiben und zu formulieren, ja sich überhaupt sprachlich auszudrücken, suchen sie nach Wegen, die lästigen Fehler gewissermaßen zu legalisieren und den Anspruch dieser traurigen Realität anzupassen. Die Noten bestimmen in Zukunft den Stand des Wissens. Überall dort, wo beim Schreiben Beliebigkeiten und Varianten zugelassen sind, werden schon aus rein mathematischer Sicht weniger Fehler auftreten. Wer hier meint, er könne aus Fehlerquoten in reformgerecht manipulierten Diktaten auf die Qualität eines Schülers schließen, dem darf ich guten Gewissens seine Kompetenz in Sachen Schreibung und Pädagogik absprechen.

Auch kann mir keiner weismachen, daß die „Reform" die Chancen für den Einstieg in ein Arbeitsverhältnis erhöht. In welchem Bewerbungsschreiben steht das Wort „Tol(l)patsch"? Wenn sich ein Personalchef mehrfach durch ein fehlendes Komma gestört fühlt, wird er das Anschreiben wohl beiseite legen, auch wenn es nach den neuen Regeln korrekt ist. Inzwischen bewerben sich in unserer Firma Schreibkräfte mit dem Hinweis, daß sie der neuen Schreibung kundig sind und meinen, damit für sich und den Arbeitgeber etwas Gutes zu tun. Hiervor kann ich nur warnen! Das Wissen um einen „Fluss" statt „Fluß" macht noch lange keinen guten Schreiber aus! Die deutsche Schriftsprache hat weitaus mehr Eigenheiten, als eine Reform jemals abfangen kann. Stilvolles Schreiben will gelernt sein, daran ändern weder „dass" noch „A-bend" etwas.

Ich bedaure den Teil der Lehrerschaft, der Eltern und vieler anderer, die sich aus ihrem Innersten heraus vorgenommen haben, den Heranwachsenden ein gesundes Maß an Schreibkultur zu vermitteln. Die "Reform" ist nicht darauf ausgerichtet, die schriftsprachliche Einheit zu festigen, sondern sie beseitigt leserfreundliche Schreibungen und orientiert sich dabei an einem niedrigen Niveau. Das ist fatal. Ich bin nur gespannt, wer für diesen ganzen Klamauk irgendwann einmal zur Verantwortung gezogen werden wird. Das Volk hat für diese „Reform" reichlich bezahlt, und zwar in den Währungen „Kulturverfall" und „DM".

Dr. Jürgen Langhans, Karlsruhe

Bleistift

Schreiben wir in Zukunft "Missthaufen"?

Leserbrief an die Badischen Neuesten Nachrichten zur Umstellung auf die neue Schreibung am 1. August 1999

Mit der Übernahme der „neuen Rechtschreibung" leisten die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen unserer Schreibkultur keinen guten Dienst. Nun haben wir also drei Schreibungen: Die alte, die neue und die der Nachrichtenagenturen (Ihr Beitrag vom 31.7.1999), und selbst letztere kreieren noch einmal eine vierte Variante, indem sie zwischen visuellen und Audio-Agenturen differenzieren: Der Rundfunkbereich will wenigstens die Kommas nach der bisherigen Regelung setzen. Also muß ja doch was faul sein an der neuen Schreibung! Naja, die Nachrichtensprecher dürften nämlich beim Verlesen von Texten, in denen Kommas fehlen, ein Problem haben.

„Der Vater wartet auf ihn und die Kinder gehen schon voraus."

Hinter "Kinder" könnte auch ein Punkt stehen. Da ein Leser nie im voraus weiß, wie der Satz weitergeht, wird er stutzen und noch einmal lesen müssen. Warum liberalisieren die sogenannten Rechtschreibexperten die Zeichensetzung, wenn dadurch der Lesefluß eingeschränkt wird? Mit welchem Recht unterstellen wir unseren Kindern, daß sie es nicht lernen können, zwei Hauptsätze zu erkennen?

Am augenfälligsten ist natürlich die neue „ss"-Regelung. Wenn wir uns streng an die Regel mit dem sogenannten kurzen Vokal halten, dann dürfen wir in Zukunft „Missthaufen" oder „Lasstwagen" schreiben. Schließlich weiß ja ein Schreibneuling nicht, daß diese Wörter ursprünglich gar kein „ß" besaßen! Er richtet sich nur nach dem kurzen Vokal... Und die Wörter „misst" und „lasst" gibt es ja als konjugiertes Verb tatsächlich. Aber die Unterscheidung, ob wir „das" oder „dass" schreiben müssen, nimmt dem Schreibschwachen trotzdem keiner ab!

Die reformierten Regeln verlangen wegen ihrer Unverbindlichkeit ein noch höheres Maß an Wissen und Feingefühl bei der Auswahl von Schreibweisen als die jetzigen, wenn der Lesende das Geschriebene so interpretieren soll, wie es der Schreibende beabsichtigt hatte. Somit wird dem ach so schützenswerten Schüler eine noch größere Verantwortung zuteil, als die Reformer eigentlich wollten, denn laut Regelwerk soll der Schreibende ja in vielen Fällen nun selbst entscheiden, was gut, richtig und verständlich ist. Das neue Regelwerk selbst drückt sich davor. Drückt sich der schreibschwache Schüler nun aber auch davor, so entstehen in Zukunft absonderliche Werke der Schreibkunst, die kein vernünftiger Mensch mehr lesen kann und will. Aber der Schreibende hat dem Lesenden gegenüber eine Verantwortung: Wir schreiben nämlich für die, die lesen!

Es hätte in der Macht der gesamten schreibenden Zunft im In- und Ausland gestanden, diesen ganzen Schreibunfug zu vermeiden. Einem guten, belesenen und weltoffenen Schreiber muß sich doch das Herz verkrampfen, wenn er den überarbeiteten Duden aufschlägt! Statt dessen gehen seit dem 1. August fast alle Verlage konform. Sie werfen weg, was sich bewährt hat. Ich bedaure das sehr. Ich hatte für 14 Tage ein Probe-Abo der BNN, welches ich nun auf keinen Fall verlängern werde. Für die neue Schlechtschreibung bezahle ich, so es in meinem Einfluß steht, keinen Pfennig!

Dr. Jürgen Langhans, Karlsruhe

Antwort der BNN, Dr. G. Windscheid, 2.8.1999: "...Die BNN veröffentlichen nur Leserbriefe zu lokalen, nicht aber zu allgemeinpolitischen Themen..."