Leserbriefe und Aktionen (2)

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Deutsche Ausgabe von Márquez in "Neuschrieb"

Ein Leserbrief an die FAZ vom 23.02.2003

Vor geraumer Zeit veröffentliche die FAZ Auszüge aus "Leben, um davon zu erzählen" von G. G. Márquez. Inzwischen besitze ich den ersten Teils der Lebensgeschichte dieses großartigen Autors als Buch. Meine Freude über das so lang ersehnte Werk wich jedoch rasch einer argen Enttäuschung: Der Verlag Kiepenheuer & Witsch gibt dieses Buch unter Verwendung der sogenannten "neuen Recht-schreibung" heraus. Da vergeht der Spaß am Lesen. Es fasziniert mich immer wieder, wie renommierte Verlage die sogenannte Rechtschreibreform, dieses widersinnigste und überflüssigste Unterfangen, welches ich je in unserer gegenwärtigen Kulturgeschichte erleben durfte, stillschweigend hinnehmen und verbreiten. Wenn dieses von Absurditäten nur so wimmelnde "Regelwerk" jetzt auch noch in die Weltliteratur Einzug hält, wird der weniger informierten Leserschaft suggeriert, das mit der neuen Rechtschreibung sei so in Ordnung und alle müßten nun danach schreiben. Schlimm genug, wenn heute in den Schulen "aufwändig" oder "Missstand" gelehrt wird.

Ich verfolge diese Entwicklung mit Sorge. Aber es war alles schon einmal da: Márquez distanzierte sich in jungen Jahren von seinem ersten Roman, als er merkte, daß sein Verlag das Manuskript in eine "Hochsprache" veredelt und damit wesentlicher Aussagekraft beraubt hatte. Jedoch ist auch Kiepenheuer & Witsch offenbar nicht mit allen Einzelheiten der neuen Schreibung vertraut oder einverstanden. So finden wir in besagtem Buch eine fast durchgängig korrekte Kommasetzung, und wir lesen erleichtert "aufwendig" statt "aufwändig". Kiepenheuer & Witsch kreiert auf diese Weise seine hauseigene Orthographie und sorgt so für weitere Verwirrung in Sachen Rechtschreibung.

In der neuen Márquez-Übersetzung begegnen wir vielen "Klassikern" des Neuschriebs: "viel versprechend", "wohl wissend", "wie viel" (statt wieviel), "... hast du dich voll geschissen?", "... die ich kennen lernen musste.", "... in einem anderen Topf zur Reportage gar kochen wollte" oder auch "Carlos war ein frisch gebackener Rechtsanwalt ...", Mahlzeit! Inkonsequenterweise lesen wir "neugeborene Tochter." Das ist korrekt, nur wo liegt hier der orthographische Unterschied zu "frischgebacken"? "... einige tief schürfende Vorabkritiken ..." (sie schürfen tief), "... ein schwer wiegender Makel ..." (wie schwer?), "... jung und gut aussehend" (auch jung aussehend oder nur jung?) , "... mit einer seiner Schrecken erregenden Ideen ..." Erregen die Ideen den Schrecken? Außerdem liest man zunächst "mit einer seiner Schrecken" und stoppt dann kurz, bevor man merkt, daß da noch etwas kommt; der Lesefluß wird gestört.

Kiepenheuer & Witsch beseitigt hier auf Kosten der Lesbarkeit und des eindeutigen inhaltlichen Verstehens wider jeden Sachverstandes eigenständige Wörter. Im übrigen werden auseinander- bzw. zusammengeschriebene Wörter anders betont; der verantwortliche Redakteur möge das beispielsweise mal mit "voll geschissen" und "vollgeschissen" versuchen. Neben dem inzwischen fast schon legendären "es tut mir Leid" ("tut das Weh"?) gibt es weitere Kostbarkeiten: "Er entwickelte sich zu einem Alb, der ..." Die Alb ist ein Flüßchen, das bei Karlsruhe in den Rhein fließt und hat mit einem quälenden Nachtgespenst namens Alp nichts zu tun. "... wie Recht der Oberst hatte." Der Oberst hatte recht, aber doch kein Recht, oder? Und was wäre, wenn der Oberst unrecht hätte? Schrieben wir dann "Unrecht"? Im folgenden Beispiel wird der Unterschied deutlicher: "... und er hatte mehr Recht als jeder andere ..." Tja, und nun? Hier sind zwei Aussagen möglich: "recht haben" und "das Recht" haben! In Neuschrieb kann man erstere Aussage gar nicht mehr schriftlich formulieren! Aber genau diese Aussage ist wahrscheinlich gemeint, oder? Kurioser geht es kaum noch. Bezeichnend ist übrigens, daß sich derartige Fehler nur in alter Schreibweise erläutern lassen.

Machen wir weiter: "... ging ich als Erstes zu meinem Vater." Als wer oder was ging ich zu meinem Vater? "...im Esssaal", das "ß" ist als Auslaut-"s" eine geniale Lesehilfe; warum schafft man es hier ab? "... im Allgemeinen", man kann hier nicht "in dem Allgemeinen schreiben; das ist genauso absurd wie "mit im Einzelnen".

Ich bin nicht davon überzeugt, daß der Verlag Kiepenheuer & Witsch auch nur ein einziges Buch mehr verkauft, wenn er seine eigene Hausorthographie verwendet. Ich meinerseits werde kein neuwer-tiges Buch mehr von Kiepenheuer & Witsch beziehen und auch nicht empfehlen, solange dessen Bücher in dieser "gräulichen" (gemeint ist "greulich", aber dieses Wort gibt es ja auch nicht mehr!) Rechtschreibung erscheinen. Tröstlich ist, daß Herr Márquez die deutsche Ausgabe seines neuen Buches nie wird lesen können; er wäre ganz bestimmt entsetzt über uns Deutsche, die sich ihre eigene Sprache kaputtmachen.

Dr. Jürgen Langhans, Karlsruhe

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Neue Experten für Sprache

Ein Leserbrief an die Südeutsche Zeitung vom 09.08.2004

Die Rechtschreibreform wurde von Leuten ins Leben gerufen, die offenbar kein Gespür für unsere Sprache haben. Der Reformansatz, den Schulkindern das Schreiben erleichtern zu wollen, weil deren Noten immer schlechter würden, ist falsch. Unsere Kinder sind heute nicht dümmer als vor 1996. Natürlich sind sie einer anderen, nicht gerade lesefreundlichen Umgebung ausgesetzt. Aber die wirklichen Ursachen für schlechte Rechtschreibnoten liegen sicherlich nicht allein in einem Regelwerk begründet, das sich über viele Jahrzehnte einigermaßen gut bewährt hat.

Die Reform berücksichtigt in ihren widersinnigen künstlichen Neuregelungen nicht die Belange des Lesenden. Fehlt zwischen zwei Hauptsätzen ein Komma, läßt sich das Konstrukt schwerer lesen oder gar nicht mehr verstehen. Ähnliche Probleme bereitet das nunmehr freigestellte Weglassen des Kommas vor erweitertem Infinitiv mit "zu". "So genannt" ist etwas anderes als "sogenannt". Beide Wortkombinationen werden auch anders ausgesprochen: Im ersteren Fall werden beide Wörter betont, im zweiten Fall betont man nur "so". Ähnlich verhält es sich mit "Zurzeit", das man bis 1996 als "zur Zeit" kannte. Und was ist eigentlich "Mithilfe"? Im Neuschrieb kann man "mit Hilfe" und die "Mithilfe" nur noch aus dem Kontext heraus unterscheiden. Auch das "ß" am Silbenende nach kurzem Vokal ist eine enorme Leseunterstützung. Mit solchen unausgegorenen Änderungen wie "Tollpatsch" oder "Tunfisch" werden Kinder regelrecht belogen. Wer hierauf abfährt, schreibt ohne zu zögern auch "Dammhirsch", Wiesent und "Kackadu", aber diese Tierchen haben die Reformer übersehen. "recht haben" ist nicht "Recht haben", und "wir geben Acht" oder "es bleibt beim Alten" ist genauso grammatikalisch falsch wie "im Allgemeinen".

Dafür sollen wir die Anrede "Du" kleinschreiben, die Anrede "Ihr", also viele "Dus", aber nach wie vor groß. Die neue Trennregel sagt Fens-ter, jedoch "Zu-cker", und "o-der" und "ü-ber" sind weitere wertvolle Errungenschaften des Neuschriebs. Heute kann man den Tipfehler nicht mehr vom Tippfehler unterscheiden. Haben sich die Reformbefürworter mal die Mühe gemacht, alleine nur die Ausnahmeregeln für die neue "ss"-Schreibung zu analysieren? Es ist nämlich gar nicht so einfach, nicht Misstkäfer zu schreiben, da muß man heute gut aufpassen.

Mit ihren Beliebigkeits-"Regelungen" zerstört die Reform praktisch das Transformationsmittel, mit dem wir uns schriftlich unterhalten. Schriftsprache braucht klare Regeln, und die dürfen, da unsere Sprache komplex ist, auch schwierig sein. Bildlich gesprochen: Das neue Automodell fährt ansich ganz gut, man soll nur noch einsteigen und losfahren müssen. Und die wenigen durch die Firmenleitung verbindlich eingeführten Konstruktionsänderungen führen lediglich zu einem instabileren Fahrverhalten, was der Fahrer mit viel Geschick ausgleichen kann, aber nicht muß. Ich wünsche den Kultusministern eine Probefahrt. Aber sie sollten vorab in das Bedienhandbuch des Vehikels schauen. Vielleicht finden sie dort unter dem Punkt "losfahren" ein paar durchaus aufschlußreiche "Fallgruppen", die die "Losfahrregel" untersetzen und ihnen trotz Instabilität die Chance auf eine unfallfreie Fahrt einräumen.

Die Schulen amtlich zu zwingen, dieses Geschreibsel zu unterrichten, ist hochgradig verwerflich. Es wäre verantwortunglos, diese Situation beibehalten zu wollen. Die Verlage, die sich jetzt von der Reform verabschieden wollen, haben ihr Vorhaben mit sachlichen Argumenten begründet und ernten insbesondere von den politisch Verantwortlichen beinahe nur unsachliche Polemik: Schon beschlossen, es gäbe Wichtigeres, Umstellung zu teuer, Kinder würden verunsichert, Schulkinder hätten damit keine Probleme, ein Schreibchaos sei jetzt entstanden ... Wenn sich unsere Politiker mal die Zeitungen vom Tag der Umstellung auf Neuschrieb anschauten, würden sie feststellen, daß beinahe jede Zeitung auf diese Umstellung mit dem Zusatz hingewiesen hat, daß sie sich an diese und jene Regeln des Neuschriebs nicht halten wollten. Wer also heute behauptet, wir hätten dank der Reform heute eine einheitliche Schreibung, der hat entweder keine Ahnung von der Sache oder - was schlimmer ist - er lügt. Es heißt, die Chefin der KMK, Frau Doris Ahnen, laufe seit Bekanntwerden der Umstellung von "Springer" und "Spiegel" wutschnaubend über die Flure. Warum eigentlich? Sie selbst hat mit dazu beigetragen daß der Neuschrieb nur für Schulen und Behörden eine gewisse Verbindlichkeit besitzt, nicht aber für Zeitungsverlage.

Das Vernünftigste, was der in Gründung stehende "Rat für deutsche Rechtschreibung" vorschlagen könnte, ist die kompromißlose Rückkehr zur Schreibung vor 1996. Dafür bräuchte man allerdings keinen Rat und könnte Zeit, Geld und Aufregung sparen. Und was sind ein paar Neuschrieb-Schülerjahrgänge im Vergleich zum bisher existierenden deutschen Schriftgut?

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Eine Hand macht Unsinn zum Gesetz

Ein Leserbrief an die BNN, Ausgabe 174, "Welche Wörter werden wie geschrieben?", 02.08.2005

Vielerorts ist nun zum Gesetz erhoben, was grammatikalisch falsch ist. Ich hätte nie geglaubt, daß im so gerne zitierten Land der Dichter und Denker ein derartiger Irrsinn möglich ist: "Gräulich" (grau) kann man nicht mehr von "greulich" (Grauen) unterscheiden, einen "Tipfehler" nicht mehr von einem "Tippfehler". Auch die als unumstritten suggerierte "ss"- Regelung ist weder schlüssig noch leicht erlernbar; es gibt sie nämlich gar nicht: Die "ss"-Schreibung reiht sich ein in die allgemeingeltende Regel zur Verdopplung von Konsonanten nach kurzem Vokal, und es gelten diverse Ausnahmefallgruppen, nach denen man eben nicht "ss", sondern "s" schreiben muß, beispielsweise bei "das", "was", "Ergebnis". Wem diese Ausnahmefallgruppen nicht bekannt sind, der darf also in Zukunft "Orgassmuss" schreiben. Warum wird ausgerechnet der "Tollpatsch" reformiert, warum jedoch wird der "Kakadu" nicht zum "Kackadu"?

Woher soll man wissen, welches Wort man in Zukunft lieber nachschlagen sollte und welches nicht? Im Chaos besteht faktisch immer "ein enormes Wissensdefizit". Damit der "Missstand" nicht so komisch aussieht, wird verallgemeinert "Miss-Stand" empfohlen. Mir als belesenen Bürger dreht sich der Magen um, wenn ich mit dem Neuschrieb konfrontiert werde; "Recht haben" ist nun mal etwas anderes als "recht haben", ein "Schwarzes Brett" ist nicht unbedingt ein "schwarzes Brett". "Kennenlernen" ist ein eigenständiges Verb und gehört zusammen geschrieben; man kann das Kennen nämlich nicht lernen (vgl. "schwimmen lernen"). "Belemmert" hat nichts mit dem Lamm zu tun und das "Quentchen" nichts mit dem Quantum.

Der Beitrag verschweigt, daß zum 1. August bereits viele Neuregelungen wieder zurückgenommen worden sind und daß statt dessen aus gutem Grunde die herkömmlichen Regeln gelten. "So genannt" darf wieder "sogenannt" geschrieben werden, und die Kommas müssen dort gesetzt werden, wo sie der Neuschrieb weghaben wollte. Der Rat für Rechtschreibung hat angekündigt, in den kommenden Monaten weitere Vorschläge für einen Rückbau der Reform zu formulieren. Die Lesbarkeit solle wieder im Vordergrund stehen. Mittelfristig will man sich auch von solchen Ungereimtheiten wie "mithilfe" (mit Hilfe), einem Konstrukt, das sogar die Sprechweise beeinflußt, wieder verabschieden. Auch die neuen, absurden Trennungsregeln stehen im Rat noch zur Diskussion.

Folgerichtig wird es auch bald wieder neue Nachschlagewerke geben. Den "aktuellen Stand" kann derzeit kein einziges Wörterbuch für sich beanspruchen. Leid Tragende (in korrekter Schreibweise: "Leidtragende") sind nicht nur die Schüler, sondern alle Angehörigen der deutschen Sprachgemeinschaft. Es ist beileibe frustrierend, sich von Leuten, die selber nicht wissen, wann "das" und wann "daß" geschrieben werden muß, und die meinen, mit "ss" werde nun alles einfacher, kraft ihrer Wassersuppe falsches Schreiben anweisen lassen zu müssen. Ausgerechnet "eine Hand voll" Kultusminister, deren primäres Interesse doch die Wahrung unserer Schreibkultur sein sollte, "macht" Unsinn zum Gesetz. Nanu, diesen Satz darf man ja gar nicht mehr vernünftig schreiben. Die Aussage lautet nämlich verkürzt: "Eine Hand ..., deren Interesse es sein sollte, ..., macht Unsinn zum Gesetz." Es widert mich an, wenn ich mir vorstelle, daß mein kleiner Sohn irgendwann in der Schule einen derartigen Schwachsinn gelehrt bekommen wird (Hinweis: korrekt wäre "handvoll" und "machen Unsinn"; "Kultusminister" wäre dann wie gewünscht das Subjekt, und die Aussage stimmte).

Dr.-Ing. Jürgen Langhans, Karlsruhe