Leserbriefe und Aktionen (3)

Bleistift

Schade, nun doch nicht Dammhirsch und Wiesent

Leserbrief in "Junge Welt" vom 18. März 2006

Wie großzügig: "kennenlernen" darf als sog. Variante wieder zusammen geschrieben werden. Und wann würde man es überhaupt auseinander schreiben wollen? Kann man das Kennen denn lernen, so wie schwimmen lernen? In Zukunft wird in Schulen korrektes Schreiben mit einem Fehlerpunkt bestraft, und ausgerechnet die Kultus(!)minister wollen das so. Wer richtigerweise "greulich" schreibt, weil er das Grauen (und nicht das Grau) meint, wird nunmehr als schlechter Schüler hingestellt. Schreibt er jedoch reformiert "gräulich", riskiert er, daß er vom Leser falsch verstanden wird, ist aber ein guter Schüler. Ist das nicht ein Irrsinn?

Naturgemäß haben Schulkinder faktisch keine Probleme mit dem Neuschrieb, denn sie kennen ja nichts anderes und halten das für richtig und gut, was sie in der Schule gelehrt bekommen: misst, frisst, Messer-gebnis, Schloss-Spuk. Aber warum wurden der Damhirsch und der Wisent nicht reformiert? Vielleicht schreiben die Kinder nun ganz von sich aus "Kackadu" als Variante zu "Kakadu"? Vielleicht auch "Topp" und "Mobb", so wie "Tipp"? Und so gibt es eine Vielzahl an Ungereimtheiten, die die reformierte "Hand voll" Änderungsvorschläge des Rates für Rechtschreibung nahezu bedeutungslos machen.

Was bleibt, ist mehr Chaos als zuvor, nicht zu letzt hervorgerufen durch die erhöhte Variantenvielfalt. Ein "Alptraum" ist nun mal was anderes als ein reformierter "Albtraum" (der Traum vom Flüßchen "Alb", welches bei Karlsruhe in den Rhein mündet). Und wer recht hat, hat nicht unbedingt Recht (nach Neuschrieb könnten man diese Aussage gar nicht mehr formulieren!). Die Schreibung "im Allgemeinen" ist deswegen falsch, weil "allgemeinen" hier als Substantiv verblaßt. Leicht zu erlernen: Man kann keinen Artikel davorsetzen, "in dem Allgemeinen". Kurios: "so genannt" wird reformiert auseinander geschrieben, aber die Abkürzung "sog." bleibt.

Es war der miese Trick der mit Schreibschwäche gepuderten Reformdurchsetzer, die Reform durch die Hintertür der Schule einführen zu wollen. Nur wird hier die Aufgabe der Schule verkannt: Die Schule hat zu lehren, was im allgemeinen Sprachgebrauch üblich ist; nicht jedoch hat sich die Allgemeinheit nach den Vorgaben der Schule zu richten. Und die Allgemeinheit respektiert den Neuschrieb bestenfalls mit Ignoranz und größtenteils mit Ablehnung. Der berühmte "Tollpatsch" ist ein Lüge, die Trennung "A-bend" ist unnötig, und das "ß" steht nun nicht mehr als nützliche Lesehilfe am Ende einer kurzvokaligen Silbe zur Verfügung. Solche "Metzger"-Trennungen [Prof. Ickler, Uni Erlangen] wie "A-bend" sollen ja wieder zurückgenommen werden; welch eine Errungenschaft für die deutsche Sprachgemeinschaft im Jahre 2006!

Der beste und preiswerteste Weg zur (Wieder-)Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung wäre eine konsequente Rücknahme der Reform und die Rehabilitation der Regeln gem. Duden 1991, einschl. der absurden "ss"-Schreibungen, verbunden mit einer deutlich effizienteren Erläuterung der Regeln in den Nachschlagewerken und im Schulunterricht. Dabei könnte in Schulen fairerweise ein neuschrieb-toleranter mehrjähriger Übergang geschaffen werden. Schulkinder haben das Recht auf das Erlernen einer vernünftigen Schreibung. Der sowieso mit nur schwachen Kompetenzen ausgestattete Rat für Rechtschreibung gehört abgeschafft, und die KMK sollte sich wieder anderen Themen widmen; das sparte Steuergelder; ganz abgesehen davon, daß sich mir als belesenem, gut ausgebildeten Bürger die Eingeweide umdrehen, wenn ich Texte in "Neuschrieb" lesen muß. Ich empfehle ohne Eigennutz die spannende Hintergrund-Lektüre "Rechtschreibtagebuch" des nunmehr ehemaligen Mitglieds des Rates für Rechtschreibung, Prof. Theodor Ickler, in "Schrift und Rede" (www.sprachforschung.org).

Dr. Jürgen Langhans, Karlsruhe
Ingenieur und Buchautor